Der Schüler, die Schülerin kann sich um keinen Preis konzentrieren? Oder du steckst in einem kleinen Nachmittagstief? Oder vielleicht möchtest du mal etwas anderes mit deinen Schülern ausprobieren, neuen Wind in die Segel bringen?

Dann empfehle ich Freie Improvisation.

Freie Improvisation heißt nur: ich spiele die Musik, die gerade entsteht. Nichts anderes.

Freie Improvisation heißt auch: Ich spiele freie Klänge, suche Klangqualität, Farbenreichtum - ich versuche also nicht, zu komponieren.

Freie Improvisation heißt deshalb auch: Ich denke nicht darüber nach, was ich jetzt tolles beitragen, wohin diese Musik sich entwickeln könnte, sondern ich spiele sie einfach. Ich höre, was gerade für eine Musik entsteht und füge etwas hinzu oder versuche vielleicht, in eine andere Richtung Einfluss zu nehmen.

Wenn ich mit anderen improvisiere, zum Beispiel mit meinen Schülern, dann versuche ich gleichzeitig etwas anzubieten, und zu reagieren, was mir die Schüler anbieten. Das ist Führen und Folgen - gleichzeitig.

Vor einigen Wochen hatte ich über Tim berichtet, mit dem ich in seiner Probestunde improvisierte. Diese Übung möchte ich hier näher erläutern.

Eine einfache Improvisation mit Schülern

Die Übung fängt so an, dass jeder eine Note spielt. Irgendeine, und jeder von uns nacheinander. Und wir lassen beide Klänge miteinander schwingen. So entstehen neben unseren zwei Klängen ein dritter Klang, den beide Klänge zusammen bilden.

Nacheinander ändern wir unsere Note auf eine andere, und so entstehen immer neue Klänge, neue dritte Klänge.

Auch verändert sich der Ton, wenn der begleitende Klang wechselt. Dann ändert sich mein Ton, obwohl er derselbe bleibt.

Insofern ist diese eine Hör-Übung, keine Spiel-Übung.

So haben wir zwei Menschen, die gemeinsam hören, einander Klänge anbieten und erstmal das Gehörte wahrnehmen und dazu reagieren.

Das ist die Basis fürs Musizieren - Hören vor dem Spielen. Das Spielen ist dem Hören untergeordnet.

Ab da kann es überall hingehen.

Wir können mehr Noten hinzufügen, wir können die Musik bewegen, verlangsamen, wir können den Partner "stören" oder mit ihm harmonieren, wir können gleichzeitig führen und folgen.

Zu zweit ist diese Situation sehr beglückend - man lässt sich treiben und folgt der Musik, bis sie von selbst stehen bleibt - unsere Musik, unser Klang, unser Moment. Sie schafft Kommunikation, Gemeinsamkeit.

Und am Ende fühle ich mich voller Energie und gleichzeitig in mir ruhend.

Ich liebe diese Übung sehr.

Anwendungen der Freien Improvisation im Instrumentalunterricht

Prinzipiell gibt es für mich fünf Situationen, in denen ich die Freie Improvisation im Unterricht einsetze.

1. Um den Schüler, die Schülerin ankommen zu lassen. Sei es, weil es die erste Stunde ist, sei es, weil er oder sie etwas zerstreut oder abgelenkt zu mir in den Unterricht kommt. Es ist eine einfache Weise, ohne viele Worte Kontakt aufzunehmen. Kinder verstehen diese Sprache sehr gut, denn sie bewegen sich noch sehr in der Welt der Emotion, mehr als wir Erwachsene. So kann ich das Kind abholen, ohne viele Worte zu benutzen. Die Übung vermittelt: du bist in Ordnung, so wie du bist.

2. Nach Übungen, die eine hohe Konzentration vom Schüler oder Schülerin erfordert haben. Nach solch einer Übung sage ich einfach: so, jetzt alles raus, alles ist erlaubt, tobe dich aus. Und dafür setzen wir uns gemeinsam ans Klavier und los geht's. Es ist ein Angebot für ein Ventil - die Gelegenheit, alles, was sich innen drin aufgestaut hatte, rauszubringen. Danach ist erstmal Ruhe im Karton, der Fluss wiederhergestellt.

3. Um die Lebendigkeit und Kreativität zu fördern. Musik machen bedeutet nicht die Finger zu bewegen oder die richtigen Noten zur richtigen Zeit zu spielen. Musik oder Emotion herausbringen ist eine Fertigkeit. Diese Fertigkeit haben alle Menschen in sich; manche haben sie nur verlernt. Mit Freier Improvisation ist es möglich, dieses zu trainieren. Ideen, Farben, Texturen - die Sprache der Musik können Schüler hier erleben, weit darüber hinaus, ob sie diese Art von Musik überhaupt lesen könnten. Das finde ich als Erfahrung wichtig zu vermitteln.

4. Um mich selbst und/oder den Schüler, Schülerin aus dem Nachmittagstief zu holen. Von Bewegung kommt auch wieder die Wachheit. Und vom gemeinsamen Musizieren auch. 

5. Für einen guten, runden Abschluss der Stunde. Improvisieren wir gemeinsam am Schluss einer Stunde, ist das ein Geschenk von uns an den anderen und an uns selbst. Einige Augenblicke gemeinsam teilen, Musik erleben, in Freude aus der Stunde gehen. 




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