Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Challenge von Eva Peters zum Thema "Kreativität im Business". Viele würden sagen, dass Musikunterricht an sich eine kreative Angelegenheit ist. Der Anschein trügt. So viele Instrumentallehrer ziehen ihren eigenen Stiefel durch, ohne nach links und nach rechts zu schauen. Was entstehen kann, wenn wir unseren Schülern wirklich zuhören, habe ich dank meiner Schülerin Maya vor knapp 10 Jahren gelernt. Ich profitiere noch heute davon.


Donnerstags stand ich immer unter Strom - Donnerstags um 17:30 Uhr war Maya bei mir zum Klavierunterricht, immer pünktlich von ihrer Nanny gebracht. Zwar etwas spät für ein 7jähriges Kind, aber Maya kam immer sehr gerne. Strahlend stapfte sie durch meinen Flur und war immer flink, sich ihre Schuhe auszuziehen. Es gab nur ein kleines Problem: Maya wollte von mir nicht unterrichtet werden.

Das war nicht immer so gewesen. Als sie mit 5 anfing, hatten wir uns nach und nach an das Klavier angetastet, hatten den Raum mehrmals komplett abgehört, erforscht, Kugeln gemalt, dann Notenschlüssel. Sie hatte ihr eigenes Klavier gemalt, wir hatten improvisiert, gesungen. Jetzt, mit 7, spielte sie ihre ersten Lieder aus ihrem eigenen Klavierbuch, das ich für sie zusammengestellt hatte. Aber sie wollte nicht, dass ich ihr zeigte, wie das ging mit dem Klavier. Selten hatte ich so viel Talent erlebt, gepaart mit so viel Widerstand.

In mir war auch ein großer Widerstand, sehr sogar. Ich kam auf einmal nicht an dieses Kind heran. Es fühlte sich an, als ob Maya nicht annehmen wollte, was ich so gern mit ihr teilen wollte: die Musik. Aber es war einfach auch sehr viel Druck auf uns beide. Vater spielte ebenfalls Klavier. Die Eltern erwarteten, dass Maya ab und zu für Familienanlässe ein einfaches Stück vortragen konnte. Nach zwei Jahren Unterricht darf man das vielleicht auch. Aber wie es mir selbst erklären, dass meine Erfahrung nicht mehr gültig war, um konstruktiv mit diesem Kind Musik zu machen? Dass sie selbst kleine Korrekturen kategorisch verweigerte? Wie sollte ich schaffen, dass sie ein Stück lernt, wenn sie nicht wollte? Das ging einfach nicht voran mit ihr. Wir waren total stecken geblieben. Ich wusste nicht weiter.

Bis Maya eines Tages ankam und sagte: “Maria, ich habe ein Lied komponiert.” - “Echt? Lass hören!” Und dann sang sie ein Lied, das mich von den Socken weghaute: Ihre Fähigkeit, mit dem Text umzugehen, die Wortwahl, die Kadenz. Wow. Später sagte mir ihr Vater, dass sie die Melodie irgendwo aufgeschnappt hatte. Aber dieser Text, der war schon sehr erwachsen für ein 7jähriges Kind. “Ich find’s toll, Maya. Wollen wir das Lied vielleicht aufschreiben? Ich helfe dir dabei.” “Au ja!”

So begannen wir an jenem Donnerstagnachmittag, das Lied in Notenform zu bringen. Ich bat sie, es stückchenweise vorzusingen, dass ich es aufschreiben konnte. Wenn ich mal ihre gesungenen Töne nicht verstand, fragte ich sie, ob sie es so oder so meinte, spielte ihr dann meine Varianten vor. Sie konnte mir dann immer sagen, wie sie es gemeint hatte. Am Schluss der Stunde hatten wir ihr erstes Lied in ihr Heft eingetragen, mit ihrem wunderschönen Text darunter. Ein Lied, das sie nach ihren eigenen Notenkenntnissen nicht hätte lesen können. Aber sie hatte es selbst komponiert, und es war der schönste Moment, den ich in den letzten Monaten mit ihr erlebt hatte.

Ich war zutiefst erleichtert, hatte verstanden, wie ich ab jetzt auf Maya eingehen konnte. Maya brachte alles mit, dass der Unterricht in kompletter Harmonie stattfand. Ich musste nur quasi zur Seite treten und erlauben, dass sie zeigte, was sie ausdrücken wollte.

Mit der Zeit kam es immer häufiger vor, dass Maya ein selbst komponiertes Lied mitbrachte. Dann begann der Prozess von vorne. Ich versuchte, nachzuspielen, was sie mir vorsang, bis es passte. Dann schrieb ich die Noten auf, dazu die Texte. Manchmal brachte sie eine Idee mit, einen Keim von Musik. Dann erforschten wir, wie das Lied weitergehen konnte. Sie selbst wusste schon, wohin sie das Lied bringen wollte. Ich stand ihr dann als Beraterin zur Seite. Wir schrieben die Lieder zu Ende. So wuchs die Liedersammlung an.

Irgendwann fingen wir an, aus dem Stand zu komponieren. Nach etwa ein, zwei Jahren kam es häufig vor, dass sie aus einem Anlass heraus ein Lied machen wollte: “Maria, dieses Jahr mache ich meine erste Kommunion. Ich möchte gerne ein Lied machen dazu.” Und dann machten wir das. Wir waren mittlerweile ein eingespieltes Team. Unser kreativer Prozess war im Fluss. Und die Liedersammlung wuchs weiter.

Bis es dann dazu kam, dass Maya mit ihren Eltern zurück nach Spanien ziehen sollte. Wir beide wussten es schon länger, dass dieser Moment eintreten würde. Für mich wurde es dann ganz wichtig, diesen Moment festzuhalten, diese ganzen Lieder, diese Bezeugung der Kreativität dieses Kindes. Maya war mittlerweile neun Jahre alt. All diese Lieder, selbst wenn die im Heft niedergeschrieben sind, das vergisst man. Das wollte ich nicht. Also startete ich das gesamte letzte halbe Jahr unseres Unterrichts ein weiteres Projekt mit ihr: ihre Lieder aufzunehmen. Über Monate hinweg legte ich einen Teil der Unterrichtszeit dafür zurück, dass wir uns Zeit für die Aufnahme lassen konnten. Aufnehmen braucht nämlich immer länger, als man denkt, davon können Berufsmusiker ein Liedchen singen. Damals war es 2010, ich hatte noch meinen MiniDisc, ein passables Mikrofon. Das sollte reichen.

Ich zeigte ihr, wie das Aufnahmegerät funktionierte, wie sie sich selbst aufnehmen konnte. Wie man die Aufnahme abspielt, um zu hören, ob sie einem gefällt. Wie man besser mit guten Kopfhörern in die Takes reinhört, um sie zu beurteilen. Sie hat sogar noch eine gesprochene Einführung in die CD aufgenommen. Und wir haben auch einige Lieder aus dem Klavierbuch mit hinzugefügt, Improvisationen, ein Mix aus Gesungenem, Gesprochenem, Gespieltem. Am Ende des Schuljahres bekam sie von mir eine CD mit zwanzig Minuten ihrer Musik geschenkt. Stundenlang hatte ich ich am Rechner gesessen, um alles schön zu schneiden und etwas dezent zu mixen. Ich hatte am Schluss noch “Outtakes” hinzugefügt, wo wir beide sehr gelacht hatten. Damit man auch einen Einblick hinter die Kulissen haben konnte. Es war einfach ein wunderschönes Projekt, für uns beide. Sie nahm ihre CD mit und schenkte sie ihren Eltern, ihren Verwandten. Und für mich war diese CD ebenfalls ein Geschenk.

Denn es war eingetreten, was ich mir gewünscht hatte: Maya hatte mir doch erlaubt, Musik mit ihr zu teilen. Zwar nicht in der Form, in der sich das ihre Eltern und, anfangs ich auch, vorgestellt hatten, sondern auf ihre eigene Art und Weise. Dieses Kind hatte die Erfahrung gemacht, sich in ihrer eigenen Musik und Texten auszudrücken. Und dass das einen Wert hat. Ich hätte es mir nie, nie träumen vermögen, dass ich die Kompositionslehrerin eines 7jährigen Mädchens werden würde. Aber so war es.

Es mag etwas anderes auf dem Papier stehen - wichtiger ist, was der Schüler oder der Klient wirklich von uns braucht. Genügend Empathie zu haben, um zu sagen, ja, stimmt, du willst eigentlich dieses andere Talent von mir, meine Fähigkeit zuzuhören, dich zu verstehen, und dir Raum zu geben.

Sobald wir zur Seite treten und das erlauben, kommt die Kreativität von selbst zutage.



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