Auf die Frage, ob er denn das langsame Üben empfehle, soll der legendäre Konzertpianist Alfred Brendel gesagt haben: “Nur bei langsamen Stücken.”

Ganz gleich, ob Herr Brendel das wirklich gesagt hat, mir gegenüber haben sich Pädagogen auf diese Aussage bezogen, um sich gegen das langsame Üben auszusprechen. Lehrer, die meinen, das bringe nichts.

In der Tat bringt es nichts, wenn wir einfach nur langsam spielen, die Wiederholungen absolvieren und uns nichts dabei denken. Langsam üben, wofür?? Was soll das bringen??

Langsam üben ist dafür da, dass wir die Zeit verlangsamen und sie auf unsere körpereigene Geschwindigkeit bringen. Die Geschwindigkeit, in der wir mehr davon mitbekommen, was wir machen, wohin uns die Musik führt. Ähnlich wie eine Landschaft, die wir von der Bahn aus, mit dem Fahrrad oder zu Fuß erkunden: wir sehen jedes Mal eine andere Perspektive, etwas Neues.

Dabei ist es zentral, das Hören mit einzubeziehen. Denn wie erkunden wir sonst Musik, außer durch Hören? In der Frage des langsamen Übens gibt es zwei Arten des Hörens, die dabei eine Rolle spielen, insbesondere eine von den beiden.


Sind wir konzentriert oder offen?

Die erste Art des Hörens ist direkt und fokussiert. Ein Beispiel: jemand spricht zu uns und sagt Dinge, die uns wichtig sind - wir möchten nichts verpassen, alles mitbekommen. Notfalls blenden wir andere Geräusche aus, damit wir gut verstehen, was diese Person zu uns sagt. In solchen Situationen geht der Kopf vielleicht etwas nach vorne, wir möchten die Klänge der Stimme zu uns “herholen”, den Inhalt und die Informationen in uns einsaugen. Das ist die konzentrierte Form des Hörens.

Die zweite Art des Hörens ist unscharf und rund. Wir nehmen alle Geräusche und Klänge gut wahr und keines so ziemlich genau. Das Hören kann etwas Berieselndes haben. Alles kann etwas “verschwommen” sein, fast so, als würden wir durch die Gläser eines Brillenträgers gucken (oder ohne Brille gucken, für die, die eine tragen). Wir lassen die Klänge zu uns kommen, auf uns einwirken, sind körperlich entspannt und nehmen mehr den Raum wahr, in dem das Ganze stattfindet, als die einzelnen akustischen Elemente. Das ist eine offene Form des Hörens.

Meistens bewegen wir uns in der ersten Art des Hörens, der direkten und konzentrierten. “Ich muss mich beim Spielen konzentrieren und schaffe es nicht!” höre ich ganz oft in meinen Workshops. Doch da, wo wir wirklich wirken können, wo sich die meisten Möglichkeiten erschließen, und wo sich der Körper öffnet, ist bei der zweiten Art, der räumlichen und runden Art des Hörens.

Es gibt immer zwei Ebenen, wenn wir Dinge tun: die erste Ebene ist das WAS, die zweite Ebene ist das WIE. WAS tun wir? Wir üben langsam ein Stück auf dem Klavier. Ok, bis hierher mag das nicht besonders spannend oder interessant sein. Bringt vielleicht was, vielleicht aber auch nicht.


Die Tür zu einem Spiel, das persönlich ist

Doch wenn wir fragen: “WIE tun wir das, dieses langsame Üben?” Und wenn die Antwort lautet: “so, dass wir mitbekommen, wie die Klänge auf uns einwirken, wie wir die Harmonien nachvollziehen können, die sich aus beiden Stimmen ergeben, wie sich das haptisch anfühlt, das zu spielen, was wir spielen?” - dann sind wir bei der zweiten Art des Zuhörens: Da ist der Raum wichtiger ist als der Inhalt, da spielen die Körperempfindungen eine Rolle, da sind unsere Sinne aktiv beteiligt. Dann gehen wir darin auf, denn wir entdecken in dieser Landschaft neue Ritzen, Steine und Sträucher, die uns auf den ersten Blick entgangen waren. Wir machen uns diese Landschaft zu eigen.

Dann wird unser Spiel mehrdimensional, plastisch. Und vor allem entsteht in unserem Spiel etwas, wonach so viele wie wild suchen: es wird persönlich. Der Klang wird persönlich, das Spiel wird persönlich, denn es ging durch unseren Körper, durch unsere Zellen durch, während es entstand.

Je mehr Raum wir üben, desto mehr Raum bringen wir auf die Bühne. Wenn wir Noten üben, bringen wir Noten auf die Bühne.

Wir haben es in der Hand.




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