Die wenigsten würden sagen, dass sie eine spirituelle Praxis führen. Jedoch kann alles, was wir über einen bestimmten Zeitraum vertiefen, zum spirituellen Weg werden. Zum Beispiel Kalligraphie, Bogenschießen, Teezeremonie... und auch Schreiben, Programmieren, Forschen, Laufen, Geigenbau, Nähen, Tango tanzen, Klavier spielen. Wenn ich darin aufgehe, verbinde ich mich mit etwas, das ich nicht erklären kann oder möchte. Manche nennen diesen Zustand "Flow".

Indem ich also etwas vertiefe, indem ich mich intensiv mit etwas beschäftige, lerne ich etwas über mich selbst. Ich erfasse etwas, das einer höheren Ordnung entspricht.

Höhere Ordnung

Ein Beispiel für höhere Ordnung: Das Wasser fließt den Berg hinunter. Oder: Die Schwerkraft wirkt auf unseren Körper zum Boden hin. Ein weiteres Beispiel: Der Dur-Dreiklang ist in jedem Klang enthalten, als Teil der Obertonreihe.

Ein weiteres Beispiel, auf die musikalischen Praxis angewandt: Wir stellen ab einem bestimmten Punkt fest, dass Input nicht mehr gleich Output ist, d.h.: Die Anzahl an Stunden, die ich übe, korreliert nicht mehr mit der Qualität meines Vortrags. Am Anfang mag das vielleicht so sein, dass je mehr Stunden ich investiere, desto mehr ich meine Fertigkeiten verbessere. Doch bei jedem von uns kommt früher oder später dieser Moment: Ich stelle fest, dass egal wie viele Stunde ich übe, ich nicht mehr weiter komme. Das lineare Verhältnis ist aufgehoben.

Dem Nervensystem Zeit geben

Dann lernen wir, wie gut es uns tut, wenn wir unserem System Zeit geben, das Stück zu verarbeiten, z.B wenn wir es einen Tag lang pausieren. Einen Tag, in dem das Werk weder neu geübt noch wiederholt wird, sondern in dem das Nervensystem in Ruhe das Material verarbeiten kann, das Werk in uns so richtig landen kann, während wir etwas anderes tun oder etwas anderes üben. Kommen wir danach zum Stück zurück, merken wir, wie wir einen neuen Schritt weiter gegangen sind, es sich sogar weiterentwickelt hat, in der Zeit, in der wir nicht geübt hatten.

Daraus lernen wir, die natürlichen Rhythmen des Körpers zu respektieren. Manche gehen einen Schritt weiter und, wissend um die Beziehung zwischen Körperbewusstheit und Klang, holen sich Impulse aus dem Yoga, dem Qi Gong, der Resonanzlehre, etc. Das ist ein Beispiel für höhere Ordnung, aufs Üben angewendet.

Das Üben ist die Praxis. Sich mit einem Lehrer auszutauschen ist die Praxis. Einen Auftritt spielen ist die Praxis. Und wir lernen auch: Der Weg ist nie zu Ende. Jedes Mal, wenn wir die Bach-Sonate neu einstudieren, finden wir etwas Neues, haben wir das Gefühl, wir verstehen das Werk wirklich, wir vertiefen unsere Verbindung dazu. Und gehen ganz darin auf.

Ein musikalisches Leben ohne Panzerung ist der Weg.

Wie schön, ihn mit Dir zu gehen.





Lerne über die Elemente, die deinen Klang lebendig machen.

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