Ihre Schuhe fallen mir sofort auf: Pumps mit einem ganz bisschen Absatz, in einem samtigen, sehr schönen Grün. Ich schaue hoch und sehe die Besitzerin der Schuhe am Fahrkartenautomaten stehen. Eine Dame, etwa Mitte sechzig. Sie schaut mich an. “Können Sie mir helfen?”

“Na klar”, ich geh auf sie zu. Anscheinend klappt die Kartenzahlung nicht. Wir versuchen es mehrmals mit der PIN-Nummer, kein Erfolg. Der Automat nimmt auch keine Scheine an, nur Münzen. Das ist so an den Tramhaltestellen in Barcelona. Ich musste mich auch erst daran gewöhnen. Wenn man Pech hat, kommt man nicht an diese Zehnerkarte ran. In den Trams werden auch keine Fahrscheine verkauft. “Haben Sie Kleingeld?”, frage ich sie. “Nein, nicht genug, leider!” Ich habe leider auch nur ein paar lose Groschen. Die Tram muss jeden Moment vorbeikommen, und ich muss die nehmen, weil ich verabredet bin. Und schon ein wenig spät dran, noch dazu.

Wir versuchen es noch ein letztes Mal mit der Kreditkarte. Wir führen die Karte in den Schlitz ein. “Jetzt klappt das bestimmt!” meint sie. Ich habe da wenig Hoffnung. Die Meldung des Automaten: Bitte Karte entnehmen. Das machen wir. Dann passiert gar nichts. Viel zu lange nichts. Wir stehen da und warten: Wieder Zahlung nicht angenommen. Da fährt die Tram ein. Mist.

“Ach, du liebe Zeit, was mache ich jetzt?” fragt sie. Während die Tram zum Halten kommt, überlege ich kurz. Ich muss diese Tram nehmen, und ich möchte diese Frau nicht gestrandet lassen. Da gibt’s nur eine Lösung. “Kommen Sie mit, ich stempel für Sie ab. Ich habe genug Streifen”, sage ich zu ihr. “Wirklich?” “Ja, ich fahre bis Pont d’Esplugues, dann steige ich aus. Da ist auch eine Verkaufsstelle, da bekommen Sie bestimmt eine Zehnerkarte.” “Oh, sind Sie sicher? Vielen Dank!” Während wir einsteigen, sagt sie “Ich gebe Ihnen auch gerne etwas dafür.” Ich sage ihr, “Alles gut. Das stimmt so für mich. Ich stempel gerne für Sie ab.” “Aber möchten Sie nichts dafür bekommen?”, fast ungläubig. Glauben tut sie es schon, aber irgendwie ist das unerwartet für sie.

Ich stemple ab, für sie und für mich. Ich stecke meine Zehnerkarte in meine Tasche und schaue zu ihr. Sie möchte mir etwas zurückgeben dafür, ich sehe ihr das an. Es ist unangenehm, nichts zurückgeben zu können. Mittlerweile ist die Tram losgefahren. “Das können Sie gern als frühes Weihnachtsgeschenk betrachten.” Wir haben Mitte April. “Wirklich? Aber ich kann Ihnen doch…” Da denke ich an die vielen Menschen, die mir geholfen haben, die das ohne Gegenleistung gemacht haben. Einfach weil es schön ist, zu geben. Und jetzt bin ich auf der anderen Seite. Es ist wirklich schön, etwas zu geben, was man geben kann. Das ist nicht mal eine große Leistung für mich. Der eine Streifen. Ich schaue sie an und sage: “Wissen Sie, ich mache das wirklich gerne, Sie brauchen mir nichts geben.” “Ach, das ist so lieb von Ihnen...” So langsam sickert das jetzt ein. Dann fangen wir an zu sprechen.

Ihr sei das noch nie passiert. Wie wundervoll das sei. Woher ich komme, möchte sie wissen? Na, hier, aus der Gegend. Aber ich wohne in Berlin. Und sie? Sie erzählt, dass sie unterwegs zu ihrer Tochter ist, um mit ihr Mittag zu essen. Sie hat vier Kinder, alle schon erwachsen. Sie fragt mich nach meinem Namen und nennt mir ihren: Rosalía, wie Rosalía de Castro, die berühmte spanische Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Sie fragt nach mir und meiner Familie. Sie ist immer noch erstaunt über diese Begegnung, über die freundliche Geste. Sie sagt, “Ich werde meinen Kindern von dir erzählen, also wenn du es in deinen Ohren pfeifen hörst…!“ Das sagt man so in Spanien: Wenn Menschen über einen sprechen, pfeifen einem die Ohren.

Es ist leider eine kurze Fahrt. Ich hätte mich gern länger mit ihr unterhalten. Wir steigen an meiner Haltestelle aus und bleiben noch ein bisschen stehen. Wir freuen uns beide so über den Kontakt. Sie strahlt mich mit ihren blaue Augen an. Wir verabschieden uns freudig, jede zu ihrer nächsten Verabredung. Was bleibt, ist die Begegnung. Und außerdem das Gefühl, etwas verändert zu haben in ihr, auch in mir.

Ich hatte diese Geschichte eigentlich noch niemandem erzählt, merke ich jetzt gerade. Mir ist es schon fast zu viel, darüber zu schreiben, sogar einen Artikel daraus zu machen, wo ich doch nichts Besonderes getan habe. Aber es ist wichtig, merke ich auch, das zu schreiben. Weil mir das wichtig geworden ist, eine Kultur zu schaffen, in der wir einander unterstützen, in der wir wieder die Begegnung mit dem anderen Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dafür stehe ich, das ist mir wichtig. Weil diese kleine Geste, die für mich nichts Besonderes ist, für Rosalía sehr wohl etwas bedeutet hat. Es hat bedeutet: ich sehe dich und ich lasse dich nicht stehen mit deiner Frage oder deinem Problem. Und: ich helfe dir, weil ich kann, und du darfst es annehmen, wir müssen nicht quitt sein.

Weil, geben ohne etwas zu erwarten, in der Zeit des “Quitt-Sein”?

...ist in sich schon fast eine radikale Tat.



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