Titelbild des Blogartikels: Beispielhaft Klavierunterricht


Dopamin ist kein Unterrichtskonzept

Am dritten Advent dieses Jahres war ich bei einem Freund in Berlin zum Weihnachtssingen eingeladen, eine Tradition, die viele Musikerfamilien im deutschen Sprachraum pflegen: bei selbstgebackenen Plätzchen, Kuchen, Quittenbrot und alkoholfreiem Punsch sitzen die Gäste, groß und klein, und singen vierstimmige Weihnachtslieder vom Blatt.

Letztes Jahr war es noch eine zahlreiche Versammlung gewesen. Dieses Jahr waren viele krankheitsbedingt zu Hause geblieben, und so war der Sopran mit mir solistisch dünn besetzt – unterstützt manchmal von einer Altistin. An Kindern war diesmal nur eines dabei: Mia, zehn Jahre alt.

Ich erinnerte mich an sie vom letzten Jahr: Ein musikalisches, fröhliches Mädchen mit einer schönen Gesangsstimme, das gerne Klavier spielte. Nur dass sie diesmal nicht mitsingen wollte. Wir luden sie immer wieder dazu ein, aber sie verneinte. Stattdessen saß sie manchmal am alten Klavier, griff hin und wieder in die Tasten, um einen F-Dur oder g-Moll-Akkord anzugeben.

Wir verbrachten den Nachmittag in guter Laune; immer durfte sich jemand ein Lied wünschen, das wir alle im Gesangsbuch aufschlugen und zum Besten gaben. Bis dann Mia irgendwann, auf dem Boden gefläzt, mit dem Kopf gegen das Sofa, fragte: “Darf ich mir auch ein Lied aussuchen?”

Ich sah eine goldene Chance, mit ihr in eine Verhandlung einzusteigen. Bevor ich etwas sagen konnte, antworteten mehrere Erwachsene gleichzeitig. Unter anderem Monika, eine Kinderärztin: „Welches würdest du denn gerne wünschen?“

„Mia“, sagte ich, „du darfst dir ein Lied aussuchen, wenn du mitsingst.“ Ich hob die Augenbrauen, zum Zeichen, dass sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen durfte.

„Nein“, sagte Monika, „zuerst suchst du dir ein Lied aus, und dann kannst du entscheiden, ob du mitsingst.“ Mia schaute zu mir zurück.

Ich schaute Monika direkt an: “Wenn sie sich ein Lied aussuchen möchte, muss sie mitsingen.”

“Aber wir wollen sie ja nicht unter Druck setzen”, sagte Monika.

“Aber natürlich”, sagte ich, “sie darf niemals unter Druck gesetzt werden.” Ich zwinkerte Mia zu.


Der Unterschied zwischen Druck und Anreizen bei Motivation

Die Situation wirft eine grundsätzliche Frage auf, die wir aus dem Instrumental- und Gesangsunterricht gut kennen – besonders, wenn es um Kinderschüler geht: Wie bringen wir Schüler dazu, etwas zu tun, das sie von sich aus nicht tun möchten? Beispielsweise beim leidlichen Thema Üben. Einige Schüler üben von sich aus – die meisten jedoch kaum oder nur unter Druck. Hier hatte die Kinderärztin die Situation falsch gedeutet, denn niemand hat Mia unter Druck gesetzt.

Druck hätte so ausgesehen:

  • Wenn du nicht mitsingst, musst du in der Küche warten.
  • Wenn du nicht mitsingst, musst du hinterher alles aufräumen.
  • Entweder du singst mit, oder es gibt heute Abend keinen Nachtisch.

In allen Fällen würde eine Form von Strafe oder Ausschluss drohen – Druck machen bedeutet, dem Kind deutlich mehr zuzumuten, als es gemäß seines Alters oder der Situation bewältigen kann oder sollte, und ihm keinen Ausweg zu ermöglichen.

Eine Verhandlung hingegen ist ein Tauschgeschäft. Mia möchte sich ein Lied aussuchen – das ist ihr Anreiz. Im Tauschgeschäft muss sie im Gegenzug mitsingen und darf sogar ihr gewünschtes Lied singen. Um das zu tun, bringt sie einen gewissen inneren Aufwand auf. Dieser Aufwand macht den Unterschied: eine Anstrengung, die in die Erfüllung des Wunsches übergeht. Das ist das Belohnungssystem im Gehirn; in dieser Handlung wird Dopamin ausgeschüttet. Dopamin hat einen beruhigenden Effekt auf den Körper – so wird letzten Endes das Lernen unterstützt.

Wenn wir also zwischen Druck und Verhandlung differenzieren können, haben wir etwas Essentielles über den Lernprozess unserer Schüler verstanden. Diese Fähigkeit zur Unterscheidung entscheidet, wie effektiv wir als Lehrer sind. Es ist wichtig, dass ein gewisser Aufwand an Lebenskraft seitens des Schülers erfolgt. Andernfalls fließt nur Dopamin, aber wenn keine Lebenskraft aufgewendet wird, ist es leer im Umkehrschluss.

Das ist der Fall beim Angebot der Kinderärztin: es ist weder Druck noch Verhandlung, sondern ein leerer Dopaminkreislauf – übersetzt: “Du bekommst zuerst Dopamin, dann kannst du entscheiden, ob du Lebenskraft aufbringst.” Es gibt hier keinen Gegenwert, den das Kind dafür aufbringen muss. Mein Angebot lautet: “Wenn du Lebenskraft aufbringst, erhältst du Dopamin.” Das Kind kann weiterhin entscheiden, es bekommt lediglich ein Ausgleichsangebot, das es frei ohne Konsequenzen abschlagen kann. Ich nutze Anreize – die Kinderärztin vertraut dem “guten Willen” des Kindes.


Druck und Anreize im Instrumental- und Gesangsunterricht

Viele Lehrerinnen und Lehrer vertrauen ebenfalls auf den “guten Willen” ihrer Schüler und hoffen und beten, dass sie zu Hause üben. Was es bringt, wissen wir längst: Einige Schüler üben ein bisschen, die allermeisten aber nicht. Daran müssten wir eigentlich anerkennen, dass “guter Wille” nicht funktioniert. Das ist für uns relevant, wenn wir in unterrichtenden Berufen sind, weil dieses leere Dopamin unser Gegenspieler ist. Wenn Dopamin mit den falschen Anreizen ausgeschüttet wird, lernt das Gehirn, dass es nicht nötig ist, sich anzustrengen. Dopamin geht aber leider noch tiefer, denn es ist ein Hormon, das nicht nur nach einer Situation ausgeschüttet wird, sondern auch in der Erwartung dieser Situation. Deshalb ist alleine aufs Handy zu schauen der Kick für die Süchtigen, sogar noch weniger Aufwand als das Foto zu posten. Das ist aus vielerlei Hinsicht schädigend für das junge Gehirn und kann zu Apathie, Lustlosigkeit, etc führen. Die Person “bekommt nichts gebacken”, oder nur unter extremem Druck.

Auch im Unterricht könnten wir Druckmaßnahmen einsetzen – was zur Folge haben kann, dass der Schüler bald den Stecker zieht. Ein Instrument zu lernen ist in der Regel etwas Freiwilliges und auch etwas Fragiles: Es kann jederzeit beendet oder vom Schüler sabotiert werden. Mir ist bewusst, dass dieser Umstand manchen Lehrern herzlich egal ist. Mir ist es jedoch nicht egal – es lohnt sich immer, für Musik weiter zu gehen, auch als Lehrkraft. Meines Erachtens bringen auch hier Anreize (statt Druck) am ehesten: Das Üben selbst sollte letzten Endes in sich selbst erfüllend sein – so wird es zum Anreiz um seiner selbst Willen.

Wie erreichen wir, dass Üben für Schüler erfüllend ist? Durch das wirksamste Instrument, das wir als Lehrer besitzen: mit den Schülern während der Stunde zu üben. Viele Schüler wissen nicht, woran es liegt, wenn die Stücke nicht klappen – wir können in der Unterrichtszeit mit ihnen kreative Lösungen finden und sie unterstützen, in der Stunde ein Gefühl der Kompetenz zu entwickeln. Wenn Üben zu einer erfüllenden Tätigkeit wird, gekoppelt mit dem Erbringen von Lebenskraft seitens der Schüler, bleiben sie am ehesten dran. Wenn sie stattdessen immer wieder Unsicherheit spüren und nie in ein Gefühl der erlebten Kompetenz kommen, werden sie irgendwann mit dem Instrument aufhören.


"Wie motiviere ich meine Schüler?"

Motivation ist wohl das Thema, das Lehrer am meisten beschäftigt, wenn es um Schüler geht. Wie motiviere ich meine Schüler? lautet eine häufige Frage in meinen Kursen. Anreize spielen eine größere Rolle bei Motivation und im Unterricht können sie so aussehen:

  • Durch das gemeinsam Üben macht der Schüler die Erfahrung, dass er sich mittels Klang ausdrücken kann
  • Die Schüler bekommen das Gefühl, dass wir sie verstehen, indem wir auch verstehen, wo sie im Stück Schwierigkeiten haben, ohne dass sie das verbalisieren können
  • Die Schüler kommen an einem Stück voran, das sie gerne mögen
  • Das Gefühl von Kompetenz wird schrittweise entwickelt, indem wir verstehen, was der nächste kleinste Schritt der Schüler ist

Dabei geht es darum, während des gemeinsamen Übens zu erkennen, woran sie scheitern. Wo ist die Blockade des Schülers? Finden wir diese heraus und lösen sie mit ihnen auf, können sie mit einem Gefühl der Kompetenz mit uns zusammen wachsen.

Das setzt voraus, dass wir bequem ein gewisses Maß an innerlicher Spannung aushalten können, um diese Unterscheidung vorzunehmen: Wann fordern wir angemessen und wann erzeugen wir Druck? Umgang mit Menschen erzeugt immer etwas Spannung, und je mehr Schüler wir haben, desto mehr Möglichkeiten, dass Spannungen entstehen. Entsteht jedoch zu viel Spannung in uns, kommen wir in eine Überforderung oder Hilflosigkeit (“Es bringt ja sowieso nichts, was ich sage!”). Ich kenne viele Lehrer, die seit Jahren in dieser Einstellung feststecken.

Angesichts dieser Tatsache ist eine wichtige Frage natürlich, wie wir als Lehrer motiviert bleiben; denn wenn wir selbst den Aufwand der Unterscheidung nicht vornehmen, und einfach nur geben, ohne zu erwarten oder anzunehmen, können wir selbst in einen leeren Dopaminkreislauf geraten. Wir lernen das Maß an Forderung unserer Schüler nicht einzuschätzen und geraten in einen Kreislauf, der uns abends geplättet zurücklässt. Vielleicht ist das eigentliche Belohnungssystem gar nicht biochemisch – sondern zwischenmenschlich. Ein erfüllender Unterricht ist nicht frei von Dopamin – aber das Dopamin wird hier durch Beziehung, Aufwand und Gegenseitigkeit erzeugt.


Wann der Unterricht gute Früchte hervorbringt

Auch das gehört zur Wahrheit: Natürlich wünschen wir uns auch, dass die Schüler von sich aus motiviert sind zu üben – schließlich bezahlen sie oder ihre Erziehungsberechtigten den Unterricht. Aber so einfach ist das nicht. Es braucht auch von uns einen gewissen Aufwand, um die Schüler angemessen fachlich zu fordern und auch von ihnen zu verlangen, dass sie ihren Teil des Aufwands übernehmen.

Die junge Mia entschied sich dafür, nicht zu singen und kam leider nicht in den Genuss, Stücke auszusuchen. Alles andere wäre verkehrt gewesen und hätte das falsche Signal gesendet.

Letzten Endes müssen auch wir als Lehrer diesen Aufwand aufbringen, den wir von den Schülern erwarten. Denn nur so ergibt die Gleichung einen Sinn. Aufwand von den Schülern zu fordern, benötigt Aufwand von unserer Seite. Wir dürfen die Lebenskraft, die die Schüler zu leisten haben, nicht ersetzen. Fruchtbar wird der Unterricht erst, wenn daraus eine Beziehung entsteht – in der beide Seiten bereit sind, ihren Teil beizutragen.

Lernen beginnt dort, wo beide Seiten bereit sind, etwas zu geben.




Lass uns zusammen einen neuen Musikunterricht etablieren.

Workshop für Lehrerinnen und Lehrer von Instrumenten und Gesang







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