Üben als notwendiges Übel?
Es gibt zwei Sorten von Musikern: Die, die gerne üben, und die, die lieber auftreten.
Violinist Ray Chen (1989) gehört zur letzteren Art. Im Podcast “Stand Partners for Life” gab er 2019 offen zu: “Ich glaube, das Auftreten war schon immer ein entscheidender Grund dafür, warum ich Musiker werden wollte. Für mich ist es einfach großartig, Ideen und Gedanken zu teilen – oder manchmal auch ganz offen zu zeigen, was man kann – und dabei diese Verbindung mit dem Publikum zu spüren. Das ist ein unglaubliches Gefühl für mich. Ich bin jemand, der Üben hasst, aber Auftreten liebt. Deshalb habe ich schon früh verstanden: Wenn man gut auftreten will, muss man eben üben.” (Hervorhebung von mir.)
Üben als notwendiges Übel also – ein Mittel zum Zweck. Man muss da durch, um dorthin zu gelangen, wo es eigentlich zählt: etwas zu können und auch auf die Bühne, in den Kontakt mit dem Publikum.
Doch wer das Üben nicht liebt, sich aber einer Laufbahn mit Musik verschrieben hat, entscheidet sich für einen Alltag voller Anstrengung. Die Zeit auf der Bühne ist kurz, die Zeit im Übezimmer dagegen recht lang – und kann sich auch einsam anfühlen.
Nicht gerne zu üben hat meiner Erfahrung nach zwei Ursachen. Zum einen liegt es daran, dass das Üben nicht der Ort ist, an dem man eigentlich sein möchte. Wer das Auftreten als Ziel und Erfüllung des Musikerlebens empfindet, erlebt das Übezimmer als Durchgangsstation: eine notwendige Vorbereitung, aber kein eigentlicher Ort der künstlerischen Erfahrung und Erfüllung. Der Genuss wird auf den Auftritt verschoben. Dass die Zeit des Übens weniger befriedigend ist, überrascht dann nicht.
Zum anderen herrscht oft Unsicherheit darüber, ob man überhaupt sinnvoll übt. Wer kein klares Gefühl dafür entwickelt hat, wie sich gutes Üben anfühlt, dem bleibt oft nur die Orientierung an äußeren Größen, genau genommen an den einzigen Größen, die man wirklich messen kann, beispielsweise an der verstrichenen Zeit.
Im Studium war es noch möglich, täglich fünf bis sechs Stunden im Übezimmer zu verbringen, um das Gefühl zu bekommen, “gut geübt“ zu haben. Die Umgebung fördert das, besonders unter Streichern und Pianisten: Je mehr Stunden, desto besser – so lautet die unausgesprochene (und manchmal auch ausgesprochene) Regel.
Aber irgendwann ändert sich das: Familie, Unterricht, Konzerte, Projekte – der Alltag wird dichter. Manchmal bleiben nur noch anderthalb Stunden am Tag. Und dann? Dann zählt nicht mehr, wie lange man geübt hat. Dann muss eine neue Frage in den Mittelpunkt rücken: Was macht gutes Üben wirklich aus?
Was gutes Üben ausmacht
Gutes Üben beweist sich nicht durch seine Dauer, sondern durch seine Wirkung. In der Vorbereitung dieses Artikels fragte ich in meinem Flowletter: Was bedeutet für dich “gutes Üben”? Ich erhielt über 40 Antworten von Musikern und Laien beinahe allen Alters, Stilrichtungen und Instrumentalgruppen. Viele berichteten von einer positiven, manchmal auch körperlich angenehmen Erfahrung während des Übens, zeitgleich erwähnten viele auch, einen musikalischen Fortschritt erlebt zu haben, beispielsweise dem Zieltempo näher gekommen zu sein, schwierige Stellen gemeistert oder sogar zu Lieblingsstellen gemacht zu haben. Für viele war es ausschlaggebend, etwas Neues zu entdecken und Bekanntes zu verknüpfen. Einigen war die körperliche Leichtigkeit wichtig: ein “samtiges” Gefühl am Instrument zu empfinden oder einfach auch die Verbindung zwischen ihrem Körper und ihrem Klang zu fühlen.
Es ist genau dieses wohlige Gefühl, das so viele schätzen, die gerne üben. So wird die Tätigkeit des Übens selbst zum Genuss. Dann zählt nicht nur das Ziel, ein Stück zu beherrschen, sondern der Zustand des Übens selbst wird wertvoll. Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi beschreibt solche Tätigkeiten als „autotelisch“ – vom Griechischen auto (selbst) und telos (Ziel) – wenn wir sie um ihrer selbst willen tun, weil das Erleben an sich lohnend ist, nicht erst durch ein äußeres Ergebnis.
Wenn wir diesen Zustand erreichen, gibt es nichts zu beweisen, nichts, was zwischen uns und unserem Klang steht. In diesem Raum kann Musik entstehen, jenseits von Zielen oder äußerer Bestätigung. Ein Moment für uns allein, mit all unseren Wünschen, unserer Lust an Musik, aber auch unseren offenen Fragen, Schwächen, Umwegen. Gerade darin liegt die eigentliche Qualität: in der Ehrlichkeit uns selbst gegenüber. In der Möglichkeit, alle inneren Mauern fallen zu lassen und einfach so zu sein, wie wir sind.
Diese Ehrlichkeit darin hat mich im Üben von Anfang an wie magisch angezogen. Mein Weg zur Musik begann erst mit siebzehn – spät genug, um oft zu hören: „Du bist zu spät.“ Doch Musik war der einzige Ort, an dem ich ehrlich zu mir sein konnte, und ich sah keinen anderen Weg für mich. Üben als Kontakt zu mir selbst (endlich!) war mein geschützter Raum. Hier konnte ich Blockaden auflösen, meinen Klang entwickeln und erleben, wie sehr ich darin aufgehen konnte. Ich kam mit der Zeit dahin, immer komplexere Werke zu spielen, und dann schließlich meine liebsten Stücke. Denn es gibt wenige Dinge, die erfüllender sind, als die Musik, die man liebt, selbst hervorbringen zu können.
Für viele liegt der Wert des Übens also darin, dass es eine Beziehung zu uns selbst – und damit zum Kern der Musik – herstellt. Über diesen zugewandten Kontakt erleben wir eine besondere Verbundenheit. Ich empfinde es als Glück, dass wir Musiker uns einer so zerbrechlich schönen und vergänglichen Kunst widmen dürfen – eine, die uns nicht nur mit der Welt, sondern auch mit etwas Größerem als uns selbst verbindet. Manche spüren diese Nähe erst auf der Bühne vor Publikum, andere schon in der intimen Übesituation.
Üben und alte Denkmuster
Diese Verbindung ist der Grund, warum Üben mehr sein kann als Vorbereitung. Sie ist auch der Maßstab, an dem sich gutes Üben messen lässt: Bringt es uns diesem Kern näher – oder nicht? Für Anfänger mag das heißen, ein Stück fehlerfrei und im richtigen Tempo zu spielen. Für Fortgeschrittene bedeutet es, eine Interpretation zu formen. Doch in beiden Fällen geht es nicht nur um das, was wir ausdrücken wollen, sondern darum, im Moment zuzulassen, was von selbst durch uns entstehen möchte.
Wer das übersieht, verschiebt den wertvollsten Teil des Übens immer auf später und verpasst, dass er längst stattfinden könnte. Deshalb möchte ich einer weit verbreiteten Vorstellung widersprechen: dass gutes Üben zwingend mit (übertragen) „Schmerz“ verbunden sein sollte – mit Überforderung, Unbehagen oder dem Verlassen der Komfortzone um jeden Preis. Ich zitiere aus den Antworten der Umfrage: “Ich mache nur dann Fortschritte, wenn neue Reize gesetzt werden. Das tut im übertragenen Sinne dann zwar weh, [...] aber es ist notwendig, um mich weiterzuentwickeln.”
Statt diesen Gedanken einfach zu übernehmen, lohnt es sich, ihn grundlegend zu hinterfragen. Fortschritt entsteht nicht nur durch Bemühen. Er kann ebenso gut aus einem Üben kommen, das körperlich und seelisch tragend ist, das uns nicht erschöpft, sondern nährt. Eine meiner Fragen, die Klienten immer wieder genau dort abholt: Warum kann Leichtigkeit nicht auch von Leichtigkeit kommen?
Mein Angebot dafür klingt recht einfach: “Üben ist das Erforschen der Körperempfindungen beim Musizieren”, und das bedeutet: Ich stelle Körperempfindungen an erste Stelle. Gerade in diesem vermeintlichen Widerspruch liegt seine Kraft: Einerseits bringt uns der Fokus darauf weg von einer verbissenen Zielsetzungsebene, und andererseits eröffnet er uns unsere innere Welt: Diese ist das Tor zu uns selbst als Instrument, zu unseren Möglichkeiten und zu einem lebendigen, lustvollen Ausdruck. Woher sonst soll unser Ausdruck kommen, wenn nicht aus unserem Inneren?
Daher lege ich meine Aufmerksamkeit auf meine Körperempfindungen beim Üben. Das Nebenprodukt eines solchen Übens ist, dass ich dann das Stück kann. Aber es zu können ist nicht die primäre Absicht. Die primäre Absicht ist es, mich selbst zu erleben und die feinen Veränderungen zu spüren. Dann bekomme ich auch mit, wenn Blockaden entstehen, und kann sie direkt auflösen.
Viele Musiker, auch jene, die nicht gerne üben, sind bereit, den Gedanken anzunehmen, dass der Weg das Ziel sei. Er klingt einfach toll. Doch wie setzt man den um, wenn man jedes Mal wieder bei den alten Mustern landet? Die Antwort ist genau die Strategie: “Üben ist das Erforschen der Körperempfindungen beim Musizieren”. Es ist eine Veränderung in der Wahrnehmung (worauf wir beim Üben achten), was eine Veränderung in der Wirkung unseres Übens bringen wird.
Damit aus dieser veränderten Wahrnehmung auch veränderte Ergebnisse entstehen, braucht es Werkzeuge, die uns im Alltag darin unterstützen.
Werkzeuge für ein Gutes Üben: der innere Kompass
Eines dieser Werkzeuge ist für mich der innere Kompass – die Fähigkeit, den eigenen Beobachtungen zu trauen und ihnen zu folgen. Manche Musiker haben im Üben noch nie echte Selbstwirksamkeit erlebt – das Gefühl, mit eigenen Entscheidungen etwas bewirken zu können. Wer diese Erfahrung nicht kennt, greift oft zu dem, was er für die „richtige“ Methode hält, oder folgt starr den Anweisungen anderer (was im Kern dasselbe ist). Dieses fremdbestimmte und mühsame Üben macht verständlich, warum diese Musiker Widerstand gegenüber dem Üben haben. Ein solcher innerer Kompass entsteht nicht zufällig. Er lässt sich entwickeln – durch gezielte Wahrnehmung, kleine überprüfbare Schritte und den Mut, eigene Schlüsse zu ziehen. Unterricht kann hier entscheidend sein: Ein Lehrer, der nicht nur Anweisungen gibt, sondern das eigenständige Hören, Urteilen und Entscheiden fördert, legt den Grundstein dafür, dass sich diese innere Orientierung aufbaut. Das gilt für jede Stufe der Kompetenz: viele meiner Klienten sind Berufsmusiker, die neue Wege in ihrem Musizieren suchen und viele möchten “mehr sie selbst in ihrer Musik sein”. Damit ist gemeint, dass sie ein tiefes inneres Wissen erleben möchten, das sie anleitet und zu einem erfüllten Vortrag führt.
Violinist Itzhak Perlman erzählt von seiner Lehrerin Dorothy DeLay, die ihm nie sagte, was er tun solle, sondern ihn immer zuerst fragte, was er selbst dachte. „Ich habe das gehasst“, gibt er zu, „weil ich mehr denken musste. Aber heute unterrichte ich genauso.“ Diese konsequente Selbstbefragung ist vielleicht die stärkste Schule für eine solche innere Orientierung.
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Wie lässt sich so ein Kompass konkret trainieren? In meiner Busqué-Methode für nachvollziehbares Lernen geschieht das in drei Schritten: Erstens richten wir die Aufmerksamkeit auf das Gefühl von Sicherheit und kommen bei uns selbst an – zunächst unabhängig vom Musizieren. Zweitens entwickeln wir Vertrauen in uns selbst, oder zumindest die Bereitschaft dazu, dass wir das, was wir uns vornehmen, bewältigen können. Ohne dieses Vertrauen entsteht keine positive Übeerfahrung. Drittens geben wir uns während des Übens gezielte Impulse und Arbeitsanweisungen, reagieren spontan darauf und korrigieren, wenn nötig – so bleibt jeder Schritt leicht nachvollziehbar und erlebbar. Auf diese Weise lernen wir, unserem inneren Wissen zuzuhören und ihm zu folgen. Dieses Wissen ist bereits da, doch es braucht Zeit und Aufmerksamkeit, damit es sich entfalten kann und wir eine Beziehung zu ihm aufbauen.
Wie gutes Üben in der Praxis aussieht
Damit diese innere Orientierung im Alltag greift, braucht es konkrete Bausteine, die jede Übesitzung tragfähig machen – unabhängig davon, wie viel Zeit oder Energie an einem Tag verfügbar ist. Dazu gehört insbesondere, die Erwartungen an die Tagesform anzupassen. Jede Übesitzung kann uns weiterbringen – ob sie zehn Minuten oder zwei Stunden dauert –, wenn Aufgabe und Umfang zueinander passen. Dabei geht es auch um de Zeitdauer: Eine kurze Einheit kann denselben Wert haben wie eine längere, wenn sie klar fokussiert ist und das Ziel entsprechend angepasst wird. Diese Haltung habe ich von meinem Professor in Barcelona gelernt: kurze Übergangszeiten nicht verwerfen, sondern nutzen. Das bringt uns weg davon, ein gutes Üben nur durch äußere Faktoren zu definieren (“Ich habe 90 Minuten geübt, also habe ich gut geübt”).
Ebenso wichtig ist es, den Zeitpunkt des Genusses nicht auf später zu verschieben. Wer glaubt, erst Freude empfinden zu können, wenn das Stück „fertig“ ist, wird das Üben als lange Mühsal erleben. Freude kann – und sollte – Teil des Prozesses sein. Das gelingt, wenn wir kleinstmögliche, realistische Schritte wählen und eine sinnliche Erfahrung zulassen: „Üben ist das Erforschen der Körperempfindungen beim Musizieren“ – ein Satz, den ich geprägt habe, weil er den Blick vom bloßen Ergebnis auf das unmittelbare Erleben lenkt.
Ein weiterer Pfeiler ist die Ehrlichkeit uns selbst gegenüber. Können wir es wirklich oder machen wir uns etwas vor? Selbst Berufsmusiker ringen mit diesen Fragen. Ziele sind wertvoll, werden aber problematisch, wenn sie uns dazu bringen, zu verkrampfen. Deshalb braucht es eine Ausrichtung, die Raum für Freude lässt.
Fehler sind dabei kein Beweis mangelnder Fähigkeit, sondern Hinweise. Sie zeigen uns, wo unser Körper, unser Ohr oder unser Kopf noch neue Verbindungen braucht. Wer sie so betrachtet, wird neugierig statt frustriert – und verwandelt jede Unsicherheit in eine Forschungsfrage: „Was genau ist hier los, und wie kann ich es anders versuchen?“ – oder meine persönliche Lieblingsfrage an der Stelle: "Wie kann ich es mir leichter machen?"
Eine Strategie, die ich oft einsetze, besteht aus drei einfachen Möglichkeiten: 1. die Passage schwieriger machen, 2. die Passage reduzieren oder vereinfachen, 3. die Passage verändern oder variieren. Wir können also die Musik absichtlich herausfordernder gestalten (beispielsweise schneller spielen oder einen komplexeren Rhythmus wählen), sie auf ihre Essenz herunterbrechen (beispielsweise nur die Melodie oder nur den Rhythmus üben) oder in einen anderen Kontext setzen (beispielsweise sie in einer anderen Tonart spielen oder etwas Neues damit kreieren). Dieses Wechselspiel hält die Wahrnehmung wach und verhindert, dass wir mechanisch wiederholen.
Gerade weil viele von uns darauf gepolt sind, uns selbst ständig herauszufordern, ist es wichtig, Momente bewusster Leichtigkeit zu schaffen: Passagen im genussvollen Tempo spielen, den Klang auskosten, mit minimalem Kraftaufwand experimentieren. Beides – Herausforderung und Entspannung – sind Werkzeuge, die einander ergänzen.
Viele Fortschritte entstehen auch in der Arbeit an Grundlagen: Bewegung, Atmung, Klangansatz, Hören, Artikulation, Tonleitern, Arpeggien, etc. Dabei sollten wir Grundlagen ebenfalls nicht als "notwendiges Übel" betrachten, sondern mit demselben Feuer entfachen, wie wenn wir unsere Lieblingskomposition wiedergeben. Ich erinnere noch einmal daran, nicht in die Falle zu tappen, dass die künstlerische Erfüllung in der Zukunft liegt und nicht im jetztigen Moment. Selbst dann, wenn wir Tonleitern spielen. Aus dem Grund bezeichne ich beispielsweise die Hanon-Übungen meinen Schülern gegenüber als "Klang- und Körperübungen". Viele von ihnen lernen, diese Übungen zu lieben, denn sie bringen sie näher zum Instrument und helfen ihnen, sich selbst durchs Klavier kennen zu lernen.
Die gezielte kreative Arbeit an der „schwächsten Stelle“ kann oft diese mit Geduld und Hingabe in die Lieblingsstelle verwandeln. Deshalb dürfen wir offen und liebevoll genau dort üben, wo wir die meiste Schwierigkeit empfinden. Beispielsweise, indem wir der schwierigen Passage unsere beste Zeit widmen, wenn wir am Frischesten sind. Nur das, was wir kennen, können wir lieben, und aus diesem Grund lohnt es sich, diese Stellen kennen zu lernen, anstatt über sie zu fliegen, weil wir es "eh nicht können".
Ein wichtiges Grundprinzip, mit dem ich arbeite, lautet: "Immer nur eine Sache auf einmal üben". Entsprechend der Prinzipien des Flow, wie von Mihály Csíkszentmihályi formuliert, müssen wir uns festlegen, woran wir arbeiten, um voranzukommen, und erstmal nur dort – selbst, wenn andere "Probleme" genauso laut schreien. Wir kümmern uns um jedes Thema einzeln und integrieren es mit der Zeit in die anderen Themen. So lautet die Aufgabe immer etwas anders, doch am Schluss haben wir immer nur eine Sache auf einmal umgesetzt. Streicher fragen mich des Öfteren, wie sie diesen Ansatz überhaupt umsetzen sollen, wenn es so viele verschiedene Dinge gibt, auf die man achten soll. Das ist jedoch ein Trugschluss – denn (und das gilt für alle), nicht alle "Probleme" haben dieselbe Gewichtung. Hat man die Fähigkeit der Unterscheidung erstmal erlangt, kann man dabei zuschauen, wie nebenher die weniger gewichtigen Themen indirekt aufgelöst werden. Wir müssen lediglich die Hebel finden, die langfristige Veränderung bewirken.
Doch nicht jede Veränderung entsteht in der direkten Arbeit am Instrument. Manchmal wirkt das Üben in Pausen weiter – das Gehirn ordnet, verknüpft und optimiert, während wir etwas ganz anderes tun. Wer lernt, zwischen bewusstem und unbewusstem Arbeiten zu wechseln, gibt dem Gelernten Zeit, sich zu verankern. Darüber spreche ich vor allem in meinem Kurs “Music by heart”, bei dem wir so üben, wie unser Gehirn gerne übt.
Erholungsphasen, ausreichend Schlaf, ein störungsfreier Raum und klar definierte, realistische Ziele bilden den Rahmen, in dem diese Strategien wirken. Zeitdruck kann uns fokussieren – doch wenn er in Stress kippt, ist eine Unterbrechung oft produktiver. Es ist wichtig, zu erkennen, wann es für heute gut genug ist – und zwar, bevor man Pausen braucht. Alle Strategien sind immer nur so lange zu verwenden, solange sie hilfreich sind. Danach muss eine neue Strategie heran.
Und schließlich: Wohlwollen. Ein schwieriges Stück wird nicht am ersten Tag gelingen, das wissen wir. Vertrauen in jede einzelne Übeeinheit heißt, dass sie uns Schritt für Schritt weiterbringen wird. Fehler deuten nicht auf mangelndes Können hin, sondern darauf, dass uns bestimmte Informationen noch fehlen – die wir beim nächsten Mal gewinnen können. Um es mit einer Analogie zu sagen: Das Internet war immer schon da – wir wussten nur noch nicht, wie es geht. Gleichermaßen ist die Möglichkeit, dass Üben eine nährende Praxis ist, bereits vorhanden – nur du musst noch herausfinden, wie es geht.
Gewohnheiten lassen sich umformen, auch wenn es Zeit braucht. Kleine, stetige Änderungen summieren sich – manchmal bemerken wir die Fortschritte erst Wochen später. Gerade deshalb ist Vertrauen, Dranbleiben und kleinste Schritte so wichtig. Musik ist eine Blüte, die Zeit braucht, sich zu entfalten. Wer mit Wohlwollen auf diesen Prozess blickt, erlebt, dass gutes Üben nicht nur das aktuelle Stück, sondern auch die eigene musikalische Zukunft gestaltet.
Gutes Üben besteht letzten Endes aus guten Entscheidungen. Nicht nur, darüber, was wir als nächstes üben, sondern auch bezüglich, wieviel wir gerade gegeben unserer Tagesform bewältigen können oder sollten. Das wiederum setzt Ehrlichkeit uns selbst gegenüber voraus. Ob eine Entscheidung gut war, merken wir manchmal in dem Moment, manchmal oft erst später. Doch das Ziel sollte bleiben, zu immer besseren Entscheidungen zu gelangen – und genau deshalb üben wir: um Erkenntnisse zu gewinnen. Und nicht, um alles richtig zu machen.
Konkret heißt das für mich: wir müssen unbedingt ein vernetztes Üben anstreben. Jeder kleine Schritt, den wir gehen, kann mehrere Ebenen zugleich ansprechen – körperlich, musikalisch und mental. Die sieben Kernprinzipien der angewandten Musikphysiologie greifen auf diese Weise ganz natürlich ineinander: Bewegung, Atmung, Hören, Emotion, Klangqualität, Wahrnehmung und körperliche Verfassung.
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Wenn diese Elemente bewusst verbunden werden, entsteht ein Üben, das nicht nur effizient, sondern auch erfüllend ist – weil es Körper, Geist, Musik und Emotion in jedem Moment in Beziehung setzt. Dann ist das Üben nicht mehr bloß Vorbereitung auf die Bühne, sondern selbst ein Ort der künstlerischen Erfahrung.
“Ray Chen, lass uns reden.”
Als ich im Jahr 2019 das Interview mit Ray Chen hörte, bei dem er offen zugab, das Üben regelrecht zu hassen, machte ich mir eine mentale Notiz für einen späteren Artikel mit dem Titel “Ray Chen, lass uns reden”. Denn Üben macht den größten Teil unseres Lebens als Musikschaffende aus. Wir dürfen emotionale, mentale und körperliche Freude beim Üben erleben und ich sehe es als unser Geburtsrecht. Aus diesem Grund wollte ich in diesem Text einige Wege aufzeigen, wie Üben gewinnbringend und in sich künstlerisch erfüllend sein kann.
Wenn ich mir vorstelle, ich würde mit Ray Chen in einem Café sitzen und über jenes Interview sprechen, dann würde ich ihm gar nicht widersprechen, sondern erstmal zuhören. Ich würde versuchen, ihn zu verstehen, denn seine Einstellung teilen viele Musiker, ob Laien oder Profis – das zeigte auch meine Umfrage. Für manche Musiker ist und bleibt Üben etwas, das man aushalten muss, bis man das Stück kann oder in Kontakt mit dem Publikum geht. Ich kann diese Sicht nachvollziehen, denn sie hat ihre eigene Logik.
Aber gerade deshalb lohnt es sich, zu fragen, ob Üben nicht mehr sein kann als bloße Vorbereitung und ein notwendiges Übel. Ob Üben vielleicht zu einem Ort werden kann, an dem wir mit uns selbst, unserer Musik und etwas Größerem in Kontakt treten.
Finden wir diesen Kontakt beim Üben, dann wird er auf der Bühne nicht plötzlich neu erfunden – er macht den Moment vor anderen zu einer Verlängerung des Moments mit uns selbst. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Wir müssen auf der Bühne nichts Besonderes denken, nichts Besonderes tun und vor allem nichts Besonderes sein. Wir können so sein, wie wir sind, ohne etwas hinzuzufügen. Das Publikum möchte echte Menschen erleben, echte Menschen wie sie selbst, mit ihren Ecken und Kanten und ihrer ehrlichen, offenen Zuwendung in Form von Klang. Solche Momente sind kostbar, weil sie einmalig sind.
Und das ist der eigentliche Grund, warum wir ins Konzert gehen: um Zeuge eines solchen Augenblicks zu werden.



Ich bin Maria Busqué, Cembalistin, Pianistin, Klavierpädagogin und Resonanzlehrerin in Berlin.