Titelbild: Menahem Pressler bei den Berliner Philharmonikern

* Titelbild: Screenshot aus YouTube Video


7 Dinge, die ich von Menahem Pressler gelernt habe

Am 16. Dezember 2023 wäre Menahem Pressler 100 Jahre alt geworden, er starb am 6. Mai 2023. Er war ein äußerst erfolgreicher Musiker, aber seine Karriere verlief insbesondere in den letzten zehn Jahren unkonventionell. Mit 90 Jahren debütierte der Pianist bei den Berliner Philharmonikern, Anfang des Jahres 2014. Wer macht denn so etwas mit 90? Vor Ablauf desselben Jahres kehrte er nach Berlin zurück, um mit den Philharmonikern das Klavierkonzert von Mozart KV488 in A-Dur zu spielen. Mich beeindruckten diese beiden Konzerte, in denen ich ihn live erleben durfte. Hier sind sieben Dinge, die ich durchs Zuhören dieser Konzerte im Jahr 2014 von ihm gelernt habe. Sie stammen aus meinen Aufschrieben, die ich damals direkt nach dem Konzert machte.


1. Arbeiten hält jung

Pressler hatte damals mit 90 einen straffen Konzert- und Unterrichtskalender, noch Jahre nach dem Ende seines Beaux Arts Trio. Er hätte sagen können, "oh, ich hatte Erfolg, ich werde mich jetzt zurückziehen". Stattdessen nahm er die Herausforderung an, mit 90 Jahren mit einem der drei besten Orchester der Welt zu debütieren – und in der nächsten Saison noch einmal zurückzukehren. Seine scheinbar unerschöpfliche Energie bekam er durch das Arbeiten, das Unterrichten, das zu tun, was ihn bewegt.


2. Erfahrung gibt Klarheit.

Beim Zuhören bekam ich das starke Gefühl, dass Pressler sich insbesondere um die Klarheit des Vortrags kümmerte. Er gab klar zu verstehen, wie er die Musik haben wollte, es gab eine Klarheit in der Bewegung, die mich stark beeindruckte. Dadurch war die Kommunikation der musikalischen Aussage unmissverständlich, ausdrucksvoll im Sinne von seiner Aussage. Da war nichts zu viel an Bewegung, nichts zu viel an Wollen. Ich habe Mozarts Musik besser verstanden. Das habe ich sehr an ihm bewundert.


3. Emotion ist die Essenz der Musik

Von der ersten Note an hatte jeder Klang eine Verbindung, einen Sinn, war lebendig. Jede einzelne Note war die Konsequenz der Vorangegangenen. Er drückte die intrinsische Aussage der Musik aus, führte das Publikum sanft durch den Weg des Stücks, nahm uns an die Hand, und wir konnten nichts anderes, als ihm zu folgen. Wir fühlten mit ihm.


4. Das Konzert KV 488 klingt wunderschön, wenn es sanft vorgetragen wird

Oftmals wird der Klavierpart dieses Mozartkonzerts eher als Heldenreise verstanden und mit Bravour gespielt. Menahem Pressler gab einen galanten und sanften Vortrag des Stücks. Nicht das Gängigste, aber dafür das Wahre, was in diesem Moment entstand. Ein solcher Vortrag übt auf mich so etwas wie ein Sog aus. Es ist fast magnetisch, wenn Menschen ihrer Wahrheit auf der Bühne folgen.


5. Der Kontakt zum Publikum geschieht durch das "Sprechen" mit dem Klang

Fantastisch für mich war, zu merken, wie wenig "Klavier" Herr Pressler spielte, und wie viel Musik. Ich liebe es, wenn Musiker Musik machen und nicht etwa "Geige spielen" oder "Klavier spielen". Die Standing Ovation am Schluss war nicht nur aus Respekt vor Presslers Karriere, sondern aus schierer Berührtheit über diese Kraft, mit dem Klang zu kommunizieren. Diese Reife des Talents hatte uns zutiefst zu uns selbst geführt: auch wir hatten Wahrheit erfahren.


6. Ein Lächeln kann den gesamten Raum zum Leuchten bringen

Und so war es in diesem Konzert.


7. Mut ist ansteckend, Mut ist Leben

Ich ziehe meinen Hut vor Menahem Pressler, der in seinem Leben nicht nur auf der Bühne einiges gewagt hat. Ich möchte, wie er, meine Ängste an die Hand nehmen und mit offenem Herzen durchs Leben gehen. Mich denen, die mich umgeben, mit meiner Verletzlichkeit zeigen. Für mich ist das wahrscheinlich die größte Herausforderung von allen – und der Lohn dafür das Wunder, das Unbegreifliche.




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