Bereiten Triller dir Schwierigkeiten?
Triller waren als Pianistin und Cembalistin schon immer meine “Endgegner”: Just im intensivsten Moment in der Musik, da wo alles seinen Abschluss fand, beispielsweise am Ende einer Kadenz, war ein Triller vorgeschrieben – und ich verkrampfte mich bei der Ausführung, der ganze Spannungsaufbau umsonst. Es hat was Tragisches, wenn in diesem manchmal schönsten Moment der Musik unser empfundener Ausdruck an den Verzierungen scheitert, die die Musik eigentlich schöner machen sollten. Anfangs, als Pianistin, ging es oft um lang anhaltende Triller, die manchmal auch über Takte hinweg gingen. Als ich aufs Cembalo umstieg, wartete die nächste Stufe auf mich: nicht mehr würde ich mit drei Noten trillern (von der notierten Note, einmal hoch und dann wieder zurück, drei schnelle Noten), nein, sondern ab jetzt sollte der Triller vier Noten beinhalten, da historisch gesehen der Triller von der oberen Note (bis auf Ausnahmen) begonnen werden musste. Zudem noch auf den Schlag, anstatt wie vorher vor dem Schlag: noch mehr Druck, noch weniger Zeit für eine gelungene Ausführung. Dieser historische Triller war eine Steigerung im Schlimmen, weil auch hier mein Körper verkrampfte – und die Mechanik des Cembalo erst eine Repetition erlaubte, wenn der Finger die Taste ganz verlassen hatte, anders als beim Flügel, bei dem der double escape möglich machte, die Taste auf halbem Wege wieder anzusprechen. Ich spielte in der Zeit viel Continuo und wenig Solo, dadurch kam ich gut durch – die gescheiterten Versuche, Solomusik zu verzieren, wurden eher im Privaten genossen, mal klappte es, mal nicht, und ich konnte nie sicher sein, ob der nächste Triller gelingen würde.
Dann kam 2015, ein Jahr, in dem ich beim Meisterkurs beim bekannten Cembalisten Pierre Hantaï eingeladen war, im Rahmen des Alte Musik Festivals in Utrecht, über den ich in meinem ersten Buch zu einigen ulkigen Szenen aus diesem Ereignis geschrieben habe. Als Meisterkurs-Teilnehmerin durfte ich, neben Konzerte kostenfrei besuchen, auch beim nächsten Meisterkurs als Gast zuhören, unterrichtet von Cembalist Skip Sempé, einem US-Amerikaner, der sich früh in seiner Karriere in Paris als freischaffender Spieler und Dozent niedergelassen hatte. Ich kannte ihn nicht, stellte jedoch am ersten Tag und in der ersten Stunde fest, dass ich mich eigentlich für seinen Kurs hätte bewerben müssen, da er der weitaus interessantere Cembalist und zudem ein begabter Pädagoge war. Er ging unkonventionelle Wege, brachte frische Perspektiven nahe, dort, wo alles verstaubt war – es war ein lebendigerer Ansatz als der klinisch saubere, der durch Gustav Leonhardt, dem Grand Seigneur des Cembalo, vor Jahrzehnten geprägt worden war. Sempé brachte Leben und Emotion ins Cembalospiel. Ich nahm eine halbe Kladde voller Notizen mit nach Hause, und außerdem den innigen Wunsch, die ersten Pièces de Clavecin aus 1704 von Jean-Philippe Rameau zu lernen. Es gab nur ein kleines Problem. Die französische Musik war bespickt mit Trillern.
Ich ließ mich nicht abbringen, musste mich daran erinnern, dass ich durch meine Anwendung der angewandte Musikphysiologie in den Jahren zuvor viele andere Themen bereits auflösen konnte. Es musste doch gehen. Ich versuchte, bei diesem Experiment alles anzuwenden, was ich bisher über Körper und Klang gelernt hatte. Ich ging nun vom musikalischen und emotionalen Aspekt aus, wie von Sempé ausgelegt, und verband das mit meiner Neugierde, alles zu hinterfragen, was ich bisher über Triller gelernt hatte. Der Kalender hatte weniger Konzerte vorzuweisen, und so konnte ich in Ruhe alles einstudieren, und nach und nach begann ich, Muster zu erkennen, wann ein Triller gelang und wann nicht. Ich probierte verschiedene Methoden aus, die mir einfielen, Wege, den Körper zu befreien, ohne nur an die Technik zu denken.
Wer die Pièces de Clavecin von 1704 kennt, das erste Werk, das Rameau veröffentlichte, und mit dem er geradezu Furore machte, durch die Unkonventionalität der Komposition, der weiß, dass in manchen Stücken wortwörtlich alle zwei Noten ein Triller vorkommt. Doch gerade das zwang mich zu einer Auseinandersetzung zwischen Spannung und Entspannung. Welche Mischung der beiden brachte das gewünschte Klangergebnis? Mit der Zeit gelangen Triller immer öfter, und wenn sie nicht gelangen, wusste ich sofort, warum. So steigerte ich meine "Trefferquote", wenn man das überhaupt so nennen kann, bis zum beinah 100% sicheren Gelingen. Vor allem, und war das Verrückte dabei, machte ich eine überraschende Entdeckung.
Eines Tages blätterte ich aus Spaß im Buch weiter zu den nächsten Pièces de Clavecin, auch aus Neugierde, aber vor allem, da ich ungefähr sechs Wochen mit denselben Stücken verbracht hatte und Abwechslung brauchte. Ich begann mit dem ersten Stück und musste feststellen, dass ich es fast vom Blatt spielen konnte, und dass die meisten Triller direkt saßen. Selbe Sprache, anderer Text. Das ist ja interessant. Dann holte ich alte Stücke raus, die ich seit Wochen links liegen gelassen hatte und spielte durch: Präludien von François Couperin, Stücke von Armand-Louis Couperin, eine Französische Suite von Johann Sebastian Bach. Die Stücke saßen, und sogar besser als vorher, und ich hatte sie lange nicht mehr geübt. Damit stellte ich fest, dass sich meine Technik allgemein verbessert hatte, ohne bewusst daran zu arbeiten.
Der aufmerksame Leser oder Leserin wird den Einwand bringen, dass Triller zu üben durchaus Technik ist, und dass es nicht verwunderlich sei, dass sich allgemein alles verbessert habe. Nicht jedoch, wenn ich weniger Technik, stattdessen mehr Körper- und Klangbewusstsein geübt hatte. Die Musik und nicht die technisch korrekte Ausführung stand im Vordergrund, und wenn es nicht klappte, suchte ich die Lösung nicht in schnelleren Fingern, sondern in der Beziehung zwischen Bewegung, Klang und musikalischer Emotion.
Diese erarbeiteten Methoden möchte ich in einem neuen Live-Workshop vorstellen: Triller – historisch informiert und wie sie gelingen. Dieser Workshop ist nicht nur für Tastenspieler. Er ist offen für Musiker aller Instrumente und Gesang, die sich für eine musikalische, körperlich gelöste und historisch informierte Ausführung von Trillern und anderen Verzierungen interessieren. Wenn du dich auf deine Triller verlassen möchtest – und neugierig bist, was du über das Kleinste im Größeren lernen kannst, sei einfach dabei.
Vielleicht sind es für dich nicht die Triller und vielleicht spielst du auch keine Tasteninstrumente. Vielleicht sind es in deinem Fall die Oktaven, Multiphonics, Ricochet oder die Doppelzunge. Was ich in diesem Workshop zeige, sind kreative und musikalische Lösungen, mit technischen Schwierigkeiten umzugehen. Denn wir kennen diese Herausforderungen – oder unsere Schüler. Ich lade dich ein, neue Wege kennen zu lernen, um an diesen Schwierigkeiten indirekt zu arbeiten oder Ideen für den Unterricht mit Schülern mitzunehmen. (Und, wer möchte das nicht, mehr Freude beim Üben zu empfinden.) Vielleicht könnte dieser Workshop also auch etwas für dich sein.
Seit dieser Übephase von 2015 sind Triller und Verzierungen nämlich nicht mehr mein “Endgegner”, sondern eines meiner liebsten Stilmittel, mit denen wir, gemeinsam mit dem Komponisten und unserem Instrument, dem Werk Emotion und Intensität verleihen. Die “schlimme Stelle” kann sich mit der Zeit zur Lieblingsstelle entwickeln – in diesem Workshop zeige ich dir gerne, wie. Alle Infos zum Triller-Workshop findest du hier.


Ich bin Maria Busqué, Cembalistin, Pianistin, Klavierpädagogin und Resonanzlehrerin in Berlin.