Titelbild zeigt einen Strand mit kleinen Wellen

Bevor ich es gemerkt habe, ist ein Stein neben mir ins Wasser geplumpst.

Ich gehe barfuß am Ufer entlang und hatte mich gerade gedankenversunken umgedreht, um meinen Spaziergang noch ein bisschen auszudehnen, weil der Strand nicht so lang ist und bald zu Ende sein würde. Ein bisschen wie Bahnen schwimmen, nur angezogen.

Und dann merke ich, wie rechts von mir, und ein klein wenig vor mir, ein faustgroßer Stein ins Wasser fällt. Ich habe ihn sogar fliegen gespürt, wie merkwürdig. Als hätte mein Körper ihn schon registriert, bevor es meine Augen getan haben.

Ich schaue den Stein an, schätze seine Größe ein, noch etwas erstaunt von dieser Erscheinung. Spitz ist er, und dick. Die Oberfläche hat spannende Muster.

Mein Kopf ist langsam, kommt noch nicht hinterher. Ich drehe mich um, um zu sehen, was passiert ist.

Als ich sie sehe, die Frau mit ihrem Sohn, hat mein Körper verstanden, was der Stein gemacht hat.

Ich höre, wie die Frau leise scheltet.

Die beiden stehen in etwa 10 Meter Entfernung vor mir. Das Kind, etwa 4-5 Jahre alt, wie versteinert.

Die Mutter steht auch etwas versteift da.

Jetzt ist auch mein Kopf dazugekommen.

»Hat Ihr Kind gerade einen Stein nach mir geworfen?« frage ich auf Katalanisch, ungläubig.

Mein Kopf sagt, das kann gar nicht sein.

Ich wiederhole meine Frage. Sie kommt langsam auf mich zu, redet währenddessen zu mir. Ich verstehe nichts. Dann merke ich, dass sie mit einem französischen Akzent auf Spanisch spricht. »Er wollte eigentlich ins Wasser werfen, das ist ja total unglücklich. Das tut mir Leid.«

Ich schaue ihr in die Augen, ihr Gesicht ist voller Sommersprossen, die dunklen Strähnen werden von ihrer Mütze zurückgehalten. Für einen kurzen Augenblick sieht es so aus, als würde sie ihr Kind weiter spielen lassen, dann ruft sie ihn auf Französisch. »Komm her und entschuldige dich!«

Während er auf uns zukommt, kann ich sie nur ungläubig anschauen.

»Wie bitte kann so etwas passieren?« Ich war ja eigentlich schon ziemlich weit weg, aber in Reichweite, wenn man seine Wurftechnik noch nicht beherrscht hat. Ich fühle Ärger in mir aufsteigen.

»Das wollte er nicht. Er wollte eigentlich geradeaus ins Wasser werfen, nicht seitlich. Ehe ich es gemerkt habe, hatte er schon geworfen. Der Stein ist soo nah an deinem Kopf vorbeigeflogen!« Sie zeigt einen Abstand zwischen ihren beiden Händen, nicht größer als 15 cm. Kommt es mir so vor, als würde sie das ein bisschen faszinieren?

Ich fühle Tränen in meinen Augen, aber mir ist nicht nach Weinen zumute.

Mittlerweile ist der Junge zu uns gestoßen, missmutig. »Jetzt entschuldige dich bitte vor der Frau, schau ihr in die Augen und sag, dass es dir Leid tut!« Herrischer Tonfall.

Er windet sich, doch dann sagt er: »Es tut mir Leid« und kann mich für den Bruchteil einer Sekunde anschauen. Ich nehme ihm nichts übel.

Ich schaue den Jungen länger an, blicke dann zur Mutter.

Ich möchte ihr sagen: »Es ist Ihre Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Ihr Kind mit seinem Steinewerfen niemandem schadet.« Ich möchte ihr so viele andere Dinge sagen. Von den Momenten erzählen, in denen ich als Kind überrascht wurde, verletzt wurde. Die Male, bei denen ich hörte: Da kann ja niemand was für. Naja, zum Glück ist ja nichts schlimmes passiert, lass doch mal gut sein.

Stattdessen schaue ich sie stumm an. Ich nicke mehrmals mit dem Kopf und drehe mich um. Ich lasse die beiden stehen und laufe langsam auf die andere Seite des Strands, dort, wo meine Sachen sind. Spüre weiter die Tränen in meinen Augen, ohne Traurigkeit, und verstehe gerade gar nichts.

Während ich mich entferne, steigen innere Bilder in mir auf. Von einem faustgroßen Stein, der nicht vorbei, sondern direkt auf meinen Kopf zufliegt. Wie viel mochte er wiegen? Ich schätze ihn auf 1-2 Kilo ein. Wie viel Kraft hat dann so ein Stein? Wie viel Kraft hat ein 1 kilo schwerer Stein, wenn er aus 10 Meter Entfernung geworfen wird? Hätte er mich zu Boden geworfen? Was wäre passiert?

Ich setze mich hin und merke, ich fühle meinen Körper nicht.

Ich brauche eine Weile, bis ich spüren kann: Ich bin noch da, und es gibt allen Grund, dankbar zu sein.

Ich stehe auf und gehe mit den Füßen ins eiskalte Wasser, tauche meine Hände in die kleinen, flachen Wellen.

Und versuche, auch wenn es noch nicht wieder so leicht geht, die Kälte zu genießen.



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